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Newsletter vom 15.03.2015

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Manipulation Freiheit Gesundheit Wissenswert

Grüezi

Auch wenn es heute nach einem Mix aus Themen aussieht, beschäftigen sich diese Beiträge im Grunde immer um dasselbe Grundthema.

Es geht darum, dass wir, auch wenn wir achtsam sind, immerzu manipuliert werden. Ob es sich wie im ersten Beitrag um den Hype von «Fifty Shades of Grey», um den begrenzten Nutzen von Motorradhelmen oder um die medizinische Betreuung handelt, die Freiheit wird beschnitten!

Dazu gehört natürlich auch die Sache mit dem freien Willen. Es gibt Theorien, die die Auffassung vertreten, dass freier Wille und Vorbestimmung, der sogenannte «Determinismus», sehr wohl miteinander vereinbar sind. Darunter versteht man, dass alle, insbesondere auch zukünftige Ereignisse, durch Vorbedingungen eindeutig festgelegt sind. Diese Vermischung wird unter dem Begriff «Kompatabilismus» geführt.

Ich wünsche Ihnen einen schönen und sonnigen Frühling und einen schönen Tag – jeden Tag, bis zum nächsten Brief im Juni 2015.

Robert Gruber




Manipulation

Fifty Shades of Grey – Der Film, zum Erfolg gepeitscht ...

Mit zunehmendem Alter habe ich Schritt für Schritt meine Neigung abgebaut, mich an inszenierten Aufregungen zu beteiligen. Keine zehn Ochsen wären imstande, mich in eine Buchhandlung oder ein Kino zu schleppen, um der Machenschaft «Fifty Shades of Grey» meinen Tribut zu entrichten.

Natürlich habe ich in jungen Jahren «Szenen einer Ehe» (schwedisches Filmdrama von Ingmar Bergman aus dem Jahr 1973) nicht ausgelassen und hätte mir den Film sogar angeschaut, wenn er nicht von Ingmar Bergman gewesen wäre. Aber heute lasse ich mich nicht mehr als Voyeur ins Marktkalkül einberechnen. Selbst ein gescheiter Text in der Presse überredet mich nicht, mich als Konsument einer Sado-Maso-Story vor irgendeiner Kasse in die Schlange zu stellen. Abgesehen davon, dass ich aus diesem Text ohnehin alles für die Interpretation des Stoffes Notwendige erfahre. Allerdings verstehe ich durchaus, warum das Buch offenbar 100 Millionen Mal über den Ladentisch gegangen ist.

Man muss einige solcher «Hypes» durchgestanden haben, damit man ihren Mechanismus begreift – und auch die Erfahrung gemacht hat, dass die aufgeheizte Erwartung sich im Verlauf ihrer Erfüllung merklich abkühlt.




Freiheit

Kluge Köpfe schützen sich – doch womit?

Man muss schon Motorradfahrer sein, um zu verstehen, weshalb dieser Beitrag mit dem Titel «Freiheit» geführt wird. Im Grunde genommen geht es aber nicht nur um Freiheit, sondern auch um das vorhergehende Thema der Manipulation. Es geht auch darum, dass viele der Vorschriften primär die eine Wirkung aufzeigen, nämlich den betroffenen Menschen die Freude an irgendeiner Sache zu schmälern. Um das aufzuzeigen, ist der Motorradhelm, und zwar ein Helm aus der Oberklasse, ein geeignetes Objekt.

Um ein Prüfsiegel zu erhalten, werden Motorradhelme auf Schlagfestigkeit getestet. Dafür wird ein Aufprall auf verschiedene Gefahrenstellen wie Bordsteinkanten simuliert. Der Helm muss in allen Tests einen bestimmten Dämpfungswert erfüllen. Helme für eine Geschwindigkeit von 35 km/h könnte man gar nicht mehr bauen. Die wären so gross und schwer, dass man Verletzungen aufgrund des grossen Helmgewichts befürchten müsste.

Bei einem Motorrad-Helmtest knallte die komplette Helmseite auf einen Sigma-Pfosten. Sigma-Pfosten? Das ist kein netter Norm-Testkörper, sondern genau das fiese Teil, welches mit Vorliebe am Strassenrand steht und eine Leitplanke hält. Also das Bauteil, auf das der Motorradfahrer als erstes trifft, wenn er mit dem Kopf voran in Richtung Krankenhaus rutscht. Dieser Aufprall wurde mit der auch in der ECE-Norm¹ festgelegten Geschwindigkeit von 7,5 m/s, was 27 km/h entspricht, getestet. Ein Wert, der zuerst einmal ziemlich niedrig klingt, der aber durchaus typisch für den klassischen Landstra฿en-Absteiger mit anschliessender, Geschwindigkeit abbauender Rutschphase ist.

Bereits beim Aufprall mit dieser vermeintlich niedrigen Geschwindigkeit treten Kräfte auf, die zwar noch im Rahmen der in der ECE–R 22.05 genannten Maximalwerte liegen, die aber nach Aussage von Medizinern und Unfallforschern deutlich zu hoch sind und für sehr schwere Schädel-Hirn-Verletzungen sorgen können. Um es ganz deutlich zu sagen: Wer mit 50 oder 60 km/h den direkten Kontakt zum Sigma-Pfosten sucht, muss sich über die Schutzwirkung seines Helms keine Gedanken mehr machen. Nie mehr.

Weshalb ich dieses hier schreibe? Es ist ein weiterer Fall, der die Freiheit beschneidet. Wer mit «Exit» sein Leben beschliessen möchte, der darf das mit dem Einverständnis der Obrigkeit tun. Aber wenn der Motorradfahrer (und alle anderen ...Fahrer) den Wind spüren möchte, dann ist das verboten. Auch ausserhalb der 50 km/h Zone, wo der Helm nicht mehr viel Sinn macht.

¹ Quelle: Wikipedia/ECE-Regelungen

(Die ECE-Regelungen bezeichnen einen Katalog von international vereinbarten, einheitlichen technischen Vorschriften für Kraftfahrzeuge sowie für Teile und Ausrüstungsgegenstände von Kraftfahrzeugen. ECE leitet sich ab von Economic Commission for Europe, dem Namen der Wirtschaftskommission für Europa bei den Vereinten Nationen (UN/ECE).)




Gesundheit

Zwei-Klassen-Medizin

«Zwei-Klassen-Medizin» ist ein negativ besetztes politisches Schlagwort. Es bezeichnet ein Gesundheitssystem, in dem die Güte der medizinischen Versorgung davon abhängt, ob der Patient gesetzlich krankenversichert (in der Schweiz als sog. Kassenpatient, in Deutschland GKV gesetzlich krankenversichert) oder privat krankenversichert (in Deutschland PKV) ist.

In diesem Beitrag gehe ich nicht auf die Diskussionen betreffend der Zwei-Klassen-Medizin ein. Dies insbesondere deshalb, weil die Systeme in der Schweiz, in Deutschland und in Oestrreich nicht gleich funktionieren. Die Leser dieser Schrift jedoch kommen aus allen drei Ländern.

Tatsache ist, dass es die Zwei-Klassen-Medizin schon immer gegeben hat und immer geben wird. Die Frage ist nur, auf welchem Niveau die zweite Klasse ist. In diesem Zusammenhang möchte ich anhand eines Beispiels aufzeigen, was beispielweise in der Schweiz bei HMO²-Versicherten passiert (und bewiesen ist).

HMO ist ein Krankenversicherungsmodell, bei dem sich Versicherte verpflichten, im Krankheitsfall immer zuerst einen ganz bestimmten Arzt, der im HMO-Center praktiziert, aufzusuchen. Dieser Arzt wird als «Gatekeeper» (Pförtner) bezeichnet. Ausgenommen von dieser Pflicht sind Notfälle, gynäkologische Vorsorgeuntersuchung sowie Kontrolluntersuchungen beim Augenarzt.

Der HMO-Arzt erhält für die medizinische Versorgung der bei ihm eingeschriebenen Versicherten eine monatliche Pauschale ausbezahlt. Aus dieser werden alle Leistungen, welche die HMO-Versicherten intern bei ihm selbst, bei Spezialärzten sowie Spitalaufenthalten in Anspruch nehmen, bezahlt.

Das Gatekeeper-Prinzip ermöglicht dem HMO-Arzt, die Behandlung seiner Patienten zu koordinieren. Die pauschale Entschädigung der ärztlichen Leistungen erlaubt dem HMO-Arzt, sich auf das Erbringen der für seine Patienten richtigen Leistungen zu beschränken.

Diese Ärzte beschliessen dann gemeinsam mit dem Patienten, wie und wo er sich behandeln lassen soll. Wer auf seine freie Arztwahl verzichte und ein kosten– und damit auch prämiensparendes Versicherungsmodell wähle, habe einen Anspruch darauf, dass ihn sein Hausarzt oder sein Ärzte-Netzwerk nur an Spitäler oder Belegärzte überweise, die qualitativ einwandfreie Arbeit erbringen: «Es ist nicht zulässig, Patienten einem Arzt oder einem Spital nur deswegen zuzuweisen, weil sie Vergünstigungen zahlen.»

Nun hat ein Hausarzt und Geschäftsführer einer grossen Notfallpraxis anlässlich eines Fachkongresses aufgezeigt, welche unethischen Methoden unter anderen im HMO-Modell angewandt werden. Zusammengefasst heisst es, dass Zuwendungen, sogenannte Kick-backs – umgangssprachlich Schmiergelder – fliessen, wenn Mediziner anderen Fachärzten oder Spitälern Patienten überweisen.

Auch ein Vertreter eines Privatspitals sagt, es gäbe immer wieder Netzwerke oder Gruppenpraxen, die für die Zuweisung von Patienten eine Aufwand– oder andere Entschädigung verlangen würden.

Derartige Praktiken nehmen zu. Sie sind ein Spiegelbild der finanziellen Situation der Hausärzte. Sie verdienten nicht nur weniger wie Spezialisten, ihre Einkommen nehmen auch, gemessen an der Teuerung, tendenziell ab: «Daher kommt halt der eine oder andere, der monetärer gesteuert ist, in Versuchung, sein Einkommen auf diese Art und Weise aufzubessern.»

Es gibt aber auch andere Möglichkeiten von Kick-backs, als einfach Geld zu zahlen, wie Gesundheitsexperten bestätigen. So weisen Ärzte ihre Patienten einem Orthopäden zu – unter der Bedingung, bei der Operation als Assistenzarzt dabei sein zu dürfen. Dafür erhält der Hausarzt – je nach Eingriff und Versicherungsform – ein Honorar von 700 bis 1500 Franken.

Eine andere Form von Zuwendungen sei die Bezahlung einer Entschädigung für den Besuch von «Qualitätszirkeln». Der Spezialist führt den Fortbildungskurs für Hausärzte durch, zahlt den Besuchern ein paar 100 Franken und lässt sich dafür Patienten zuweisen.

Ein Spezialist für Rheumaerkrankungen sieht das so: «Wer für eine Zuweisung zahlt, hat ein qualitatives Problem.» Es dürfe kein Geld in Form von Kick-backs fliessen: «Geld darf ausschliesslich in die Gesundheit der Patienten investiert werden.»

Zurzeit kann noch Entwarnung gegeben werden. Denn das Bezahlen für Kunden ist keinesfalls die Regel. Bis heute seien das lediglich inakzeptable Einzelfälle.

Artikel 36 der Standesordnung FMH verbietet Entschädigungen für die Zuweisung von Patientinnen und Patienten.


² HMO ist die Abkürzung für Health Maintenance Organization (Gesundheitserhaltungsorganisation); Die Prämien der HMO-Versicherungen sind bei gleichem Leistungsumfang bis zu 25% tiefer als die Prämien der Standard-Grundversicherung.



Ethik³ – Was versteht man unter Ethik?


Die Ethik bezeichnet man auch als «praktische Philosophie», da sie sich mit dem menschlichen Handeln befasst. Im Gegensatz dazu steht die «theoretische Philosophie», zu der als klassische Disziplinen die Logik, die Erkenntnistheorie und die Metaphysik gezählt werden.

Für mich ist die Definition, übersetzt in die Umgangssprache: «Ethik ist achtsames Wahrnehmen von Leben in all seinen Formen, kluges Urteilen und entsprechendes Handeln zum Wohl aller, Umwelt und Nachwelt eingeschlossen.»

³ Quelle: Wikipedia/Ethik



Wissenswert

Schmeckt Ihnen der Kaffee wirklich?

Wenn ich achtsam bin und mich auf den Geschmack des Kaffes konzentriere, stelle ich fest: Kaffee schmeckt furchtbar!

Im Volksmund heisst es, dass man sich einfach an den bitteren Geschmack gewöhnen müsse. Das betrifft übrigens auch alkoholische Getränke wie beispielsweise Bier oder scharfes Essen. Doch wie kommt es, dass man diese Geschmacksrichtungen zu lieben lernt?

Der Sinn für alles, was bitter schmeckt, hat zunächst eine Schutzfunktion: Giftige oder ungeniessbare Pflanzen sind oft bitter und halten uns so schon fast automatisch davon ab, sie zu essen. Darum ist diese Schutzreaktion bei Kindern, die vieles mit dem Mund erkunden, noch besonders stark ausgeprägt. Dennoch haben viele Menschen geradezu eine Liebe zu Dingen, die andere das Gesicht verziehen lassen. Normalerweise dauert es jedoch eine Weile, bis man zum Beispiel den zunächst abstossenden Geschmack von Kaffee tatsächlich liebt.

Zum einen ist es eine Sache der Gewöhnung: Je häufiger wir mit einem zunächst unangenehmen Geschmack konfrontiert werden, desto weniger stört er uns. Das liegt vor allem daran, dass die ursprüngliche Warnung mehr und mehr ins Leere läuft – vorausgesetzt, der bittere Geschmack führt wirklich nicht zu negativen Erlebnissen. Wem schon beim ersten Schluck Kaffee übel wird, der wird sich möglicherweise nie damit anfreunden.

Die wichtigste treibende Kraft ist jedoch die sogenannte positive Verstärkung. Das Fehlen einer negativen Erfahrung allein macht den Geschmack noch nicht attraktiv. Ist ein Ereignis jedoch mit einem ausgesprochen positiven Effekt verknüpft, überschreibt die Reaktion darauf das bittere Warnsignal. Beim Kaffee beispielsweise ist dies die anregende Wirkung des Koffeins. Auch der soziale Aspekt beim gemütlichen Kaffee und Kuchen mit Freunden oder Familie kann diese Verstärkung auslösen.

Vereinfacht ausgedrückt lernt unser Gehirn also zwei Dinge. Erstens: Der Geschmack ist gar nicht so schlimm. Zweitens: Dieser Geschmack hat angenehme Konsequenzen. Nach und nach schlägt so die ursprüngliche Abneigung um.



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