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Newsletter vom 15.06.2014

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Inhalt

Nicht nur in eigener Sache Gesundheit Philosophie

Grüezi
«Verbringe nicht die Zeit mit der Suche nach einem Hindernis – vielleicht ist gar keines da.»
Franz Kafka, Schriftsteller

Das ist das Zitat, wie es heute in der Literatur überliefert wird. Doch ist es nur ein Ausschnitt, völlig aus dem Zusammenhang genommen. So ist es besser zu lesen und wird insbesondere (da es recht kurz ist) von vielen Menschen beachtet.¹

Beim Lesen dieses Textes fragte ich mich, wie viel Zeit der Mensch damit verbringt, nach Hindernissen zu suchen, obwohl die Zeit um einen Lösungsweg zu finden viel kürzer und leichter ist? Selbst wenn wir kein Hindernis finden, versuchen wir möglicherweise eine Schranke künstlich aufzubauen. Unsere gedanklichen Hindernisse blockieren unsere Entdeckung der Lösung. Auch wenn diese Hindernisse nicht wirklich da sind und nur imaginär bestehen.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Sommerzeit und einen schönen Tag – jeden Tag, bis zum nächsten Brief im September 2014.

Robert Gruber


¹ Originaltext aus Kafkas Tagebüchern: «16. September 1920. Manchmal scheint es so: Du hast diese Aufgabe, hast zu ihrer Ausführung soviel Kräfte als nötig sind (nicht zu viel, nicht zu wenig, du musst sie zwar zusammenhalten, aber nicht ängstlich sein), Zeit ist dir genügend frei gelassen, den guten Willen zur Arbeit hast du auch. Wo ist das Hindernis für das Gelingen der ungeheueren Aufgabe? Verbringe nicht die Zeit mit dem Suchen des Hindernisses, vielleicht ist keines da.»



Nicht nur in eigener Sache

Therapeutische Begleitung – eine Notwendigkeit?

Den Blick in ein Paralleluniversum, in dem alles einen anderen Verlauf genommen hätte, wünschen sich viele Leser. Davon zeugen Fragen wie «Hätte ich ein besseres Leben, wenn ich mich damals anders entschieden hätte?» oder «Wäre ich glücklicher, wenn ich damals meine Gefühle kommuniziert hätte?» Unzähligen solchen und ähnlichen Fragen bin ich während meiner Tätigkeit immer wieder begegnet.

Ich höre aber auch die Frage: «Hätte ich früher Hilfe annehmen sollen?». Das ist jedoch nicht immer einfach. Es gibt Menschen, die einfach keine Hilfe annehmen können. Dies solange, bis der Leidensdruck zu gross ist – und wirklich nichts anderes mehr helfen kann als Hoffen und Beten.

Durch die jahrelangen Erfahrungen mit den unterschiedlichsten Menschen habe ich festgestellt, dass jeder – von einfach strukturiert bis hochintelligent, von jung bis alt, vom Arzt bis zum Arbeiter – seine persönlichen Grenzen überspringen und Aussergewöhnliches verändern kann, wenn die Bereitschaft dazu vorhanden ist.

Das ist der Zeitpunkt, bei dem es sinnvoll ist, fremde Hilfe zu suchen. Wenn man sich in den Bergen festhalten muss, fehlt oftmals eine dritte Hand. Dann biete ich dem Suchenden eine weitere Hand an und helfe ihm um weiter zu kommen. Wenn beide – Klient und Begleiter – am gleichen Strang ziehen und dies in dieselbe Richtung, ist es möglich, die höchsten Berge zu erklimmen und die grössten Schluchten zu überbrücken.



Gesundheit

Wenn radioaktives Wasser verdunstet, wo bleibt dann die Radioaktivität?

Die sogenannte Energiewende steht vor der Tür. So interessiert es uns, wo bei den vergangenen Katastrophen die Radioaktivität geblieben ist. Bei einer riesigen Halbwertszeit ist es kaum möglich, dass sich die Belastung einfach aufgelöst hat. Und doch wird über diese Thematik kaum gesprochen. Deshalb versuche ich hier ganz kurz zusammen gefasst, was mit der Radioaktivität bei einer Katastrophe geschieht.

Die Katastrophe von Tschernobyl ereignete sich am 26. April 1986 in Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat. Als Nuklearkatastrophe von Fukushima werden eine Reihe katastrophaler Unfälle und schwerer Störfälle im japanischen Kernkraftwerk Fukushima Daiichi (Fukushima I) in Õkuma und deren Auswirkungen bezeichnet.

Glücklicherweise sind die beiden Störfälle weit von unserer heilen Schweiz entfernt. Und trotzdem sind wir weit mehr davon betroffen, als man auf die Schnelle annimmt.

Rückblick auf den 26.04.1986: Vor 20 Jahren hatte Tschernobyl in der Schweiz eine Vertrauenskrise in den Bundesrat und die Behörden ausgelöst. Vier Tage nach der Katastrophe erreichte die radioaktive Wolke am 30. April 1986 auch die Schweiz.

Im Tessin regnete es an diesem Tag. Deshalb wurde hier am meisten Radioaktivität abgelagert. Etwas weniger betroffen waren der Raum um den Bodensee sowie Teile des Juras.

Die Behörden verordneten in der Folge verschiedene Massnahmen. So ein Fischereiverbot im Luganersee, das allerdings nicht für den italienischen Teil des Sees galt. Für Schwangere, stillende Mütter und Kleinkinder empfahlen sie den Verzicht auf Frischmilch und frisches Gemüse. Schafe und Ziegen durften im Tessin bis Ende August nicht geschlachtet werden.

Milch wurde hinter dem Berg verkäst. Die Kuhmilch aus den besonders betroffenen Gebieten im Tessin wurde in die Zentralschweiz gebracht und dort zu Käse, Rahm und Butter verarbeitet. Die kurzlebigen Nuklide – so das Argument – würden abgebaut, bis die Ware zum Verkauf komme, und das Caesium gehe nur zum Teil in die Milchprodukte über.

«Heute würde man das sicher nicht mehr machen», führt Werner Zeller, Chef der Abteilung Strahlenschutz im BAG, aus. «Da hat bei den Produzenten und den Konsumenten sicherlich ein Prozess stattgefunden.»

Wie sieht's heute aus? Noch immer sind im Tessin zwar Spuren von Caesium 137 (Halbwertszeit 30 Jahre) nachweisbar. Das Nuklid ist jedoch seit 1986 abgeklungen und in tiefere Erdschichten eingedrungen. Wildschweine und Wildpilze aus dem Tessin weisen mittlerweile in der Regel unbedenkliche Caesium–Werte auf.

Zu unserer Frage: Wenn radioaktives Wasser verdunstet, wo bleibt dann die Radioaktivität?

«Einfach so» verschwindet Radioaktivität nicht. Wenn Wasser verdunstet, kommt es darauf an, in welcher Form die radioaktiven Atome in der Flüssigkeit vorliegen: als Edelgase, flüchtige Stoffe wie etwas radioaktiver Wasserstoff (Tritium) oder als Festkörper.

Flüchtige Gase entweichen dem Wasser mit oder ohne Verdunstung. Dafür reicht es schon, wenn das Wasser beispielsweise durch Umrühren bewegt wird. Diese Gase nehmen am Kreislauf des Wassers teil. Tritium–Atome steigen also mit dem Dunst auf und werden wieder abgeregnet. So gelangen sie auf die Erde zurück oder gelangen ins Meer.

Sind die radioaktiven Stoffe nicht gasförmig, sondern gelöst, findet in der Regel das Gleiche statt wie bei Salzwasser: Sie bleiben auf dem Boden zurück, während das Wasser als Dampf oder Dunst nach oben steigt. Verdunstet ein Teil des Wassers, erhöht sich in dem Fall also die Aktivität im Restwasser. Dies wird beispielsweise genutzt, um das Volumen von radioaktiven Flüssigkeiten zu reduzieren und so weniger Platz für die Lagerung zu benötigen. Schliesslich ist die Wassermenge dann nicht mehr so radioaktiv wie zu Beginn – und das Entsorgungsproblem weitgehend gelöst!



Philosophie

Seele oder Geist – Ein Versuch, zu verstehen ...

Vor einiger Zeit stellte sich in einer Diskussion im Zusammenhang mit einem Seminar die Frage, welchen Stellenwert nun Seele und Geist einnehmen. Ist Seele oder Geist höher einzustufen? Natürlich ist diese Frage sehr unwichtig und gehört zur Kategorie «Dinge, die sie nicht wissen müssen». Trotzdem liess es mir keine Ruhe – und das ist das Resultat:

Fragt man heutzutage Psychoanalytiker, was sie eigentlich behandeln, die Seele oder den Geist, bringt man sie zumeist in grosse Verlegenheit. Und je nachdem, welche Sprache dabei betroffen ist – Deutsch, Englisch und Französisch gelten uns hier als Beispiele –, fällt die Verlegenheit ganz verschieden aus.

Denn wenn in der deutschen Alltagssprache «Seele» weiterhin rege benutzt wird (zum Beispiel «die Seele baumeln lassen» oder auch «Seelenverwandtschaft»), so ist dies im Englischen und Französischen keineswegs mehr der Fall. Dort ist die Seele dem Geist gewichen: «soul» und «âme», haben «mind» und «esprit» den klaren Vortritt gewährt.

In der philosophischen und psychologischen zeitgenössischen Terminologie ist auf Deutsch, Englisch und Französisch «das Mentale» vermehrt der Sammelbegriff, unter dem heute alle psychischen (mentalen) Prozesse subsumiert werden, darunter offenbar auch jene, die Gegenstand psychoanalytischer Behandlung sind. Dies erklärt die häufigste Antwort von französischsprachigen Psychoanalytikern: Was sie behandeln, sei «le mental» (das Mentale). Ob eine klare Vorstellung besteht, was unter diesem Begriff verstanden wird, ist nicht sicher.

Warum ist es wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, ob man die Seele oder den Geist behandelt? Die Frage ist komplex, denn sie verweist auf eine Debatte, die spätestens seit der Neuzeit existiert. Zunächst wurde sie von englischen, französischen und deutschen Philosophen ausgetragen und später, im 19. Jahrhundert, von den deutschen Psychophysiologen übernommen und weitergeführt. Psychologie existierte zunächst nicht als eigenständige Disziplin. Die Seele–Geist–Debatte ist im Zuge der Bemühungen um die Einführung der Psychologie als Disziplin wesentlich geworden. Es ging dabei darum, die Psychologie als empirische Wissenschaft zu begründen und ihrem Gegenstand, der «Seele», jegliche metaphysische Konnotation (emotionale, stilistische oder wertende Nebenbedeutung eines Wortes oder auch Mitschwingendes) zu entziehen, die diesem Begriff traditionell anhaftete.

Diesbezüglich blickt die Philosophiegeschichte auf eine lange Tradition zurück, die in der Antike ihren Anfang nahm. In der Antike und im Mittelalter galt die Seele als zentraler Begriff, und zwar nicht nur in der Psychologie, sondern auch in der Anthropologie, Ontologie (Lehre vom Sein, vom Seienden) und Metaphysik.

«Psyche» wurde als Kernelement des Menschen betrachtet (als sein «Selbst»), als das, was mit dem Körper («Soma») eine Verbindung eingeht und das je nach philosophischer Ausrichtung entweder eine ewige eigenständige Existenz hat (Platon) oder niemals als vom Körper unabhängige Entität betrachtet werden kann (Aristoteles). Der Geist («Nous») wurde als ein Teil der Seele verstanden, und zwar als ihr oberster und edelster. Die Seele war also der Gesamtbegriff, der in sich den Begriff des Geistes einschloss.

In der Neuzeit hat sich dann ein gewichtiger Paradigmenwechsel vollzogen: in der englischen und französischen Philosophie wurden erste Zeichen gesetzt, dem Geist den Vorzug zu geben. Die deutsche Aufklärung übernahm die Debatte und vererbte sie den deutschen Psychophysiologen des 19. Jahrhunderts. Die Seele hatte, von diesem Zeitpunkt an, nur noch eine befristete philosophische und psychologische Existenz.

Es hätte dabei bleiben können und die Seele hätte womöglich in der Philosophie und Psychologie nur noch jene Randexistenz geführt, die wir ihr heute zuerkennen. Doch Freud hat ihr, unerwarteterweise, zu einem Comeback verholfen, das übrigens weitgehend unbeachtet geblieben ist. Dem Trend seiner Zeit trotzend machte er die Seele zu einem zentralen Begriff der Psychoanalyse und integrierte sie damit wieder in die psychologische Sprache. Freud entledigte die Seele ihrer metaphysischen Konnotationen und machte sie zum Hauptakteur seiner Metapsychologie. Zentral ist dabei für Freud das Modell des sogenannten Seelenapparates, der Bewusstes und Unbewusstes in sich birgt. In Freuds Terminologie sind Seele und Psyche synonym, sowie auch die Adjektive «seelisch» und «psychisch». Deutlich unterschieden werden hingegen Seele und Geist, sowie seelisch und geistig. Die Psychoanalyse hat nicht den Geist zum Objekt, sondern die Seele. Freud selbst hat nie explizit erklärt, warum er zum Seelenbegriff gegriffen hat in einer Zeit, als der Geist bereits die Seele in der Psychologie verdrängt hatte. Deutlich ist aber, dass es für ihn einen Unterschied macht, ob man seelische Prozesse analysiert oder geistige: Der Geist scheint im Unterschied zur Seele wenig Raum für unbewusste Prozesse zu enthalten.

Freuds Paradigmenwechsel ist jedoch weitgehend unberücksichtigt geblieben, was die Übersetzungen des freudschen Werkes belegen. Den Übersetzern Freuds ins Englische und Französische ist die Bedeutung des freudschen Seelenbegriffs offenbar nicht aufgefallen. «Seele» und «seelisch» wurden weitgehend als «mind» oder «mental» übersetzt, so, als habe Freud von Geist gesprochen.

Es scheint, als sei es bereits nicht mehr möglich, im Englischen und Französischen die Wörter «soul» bzw. «âme» zu verwenden. Im Französischen hat zwar Jean Laplanche¹ in seiner neuen Gesamtübersetzung des freudschen Werkes versucht, «seelisch» durch «animique» wiederzugeben, womit er aber auf grosse Kritik gestossen ist. Im Englischen und Französischen gilt somit: heutzutage sagt niemand mehr, dass die Psychoanalyse die Seele kuriert. Man wendet sogar ein, «soul» oder «âme» seien zu metaphysisch oder religiös belastet. Niemand, der nur die Übersetzungen liest, nimmt zur Kenntnis, dass Freud den Begriff der Seele ganz entschieden benutzt hat. Wie steht es aber im Deutschen? Würden deutschsprachige Analytiker heute noch sagen, sie behandeln die Seele? Und wenn ja, was für eine Vorstellung von «Seele» haben sie dann?

Und was ist jetzt richtig? – Bis zur Kenntnis dieses Textes, der hauptsächlich von Frau Prof. Dr. Dr. A. Schniewind stammt, war für mich die Sache eigentlich ziemlich klar. Die Reihenfolge war «Körper – Seele – Geist». Doch nun, da ich den Text gelesen habe, verstehe ich wirklich nichts mehr! Geht es Ihnen anders?

¹ Jean Laplanche (* 21. Juni 1924 in Paris; † 6. Mai 2012 in Beaune, Burgund) war ein französischer Autor und Theoretiker der Psychoanalyse.



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